Offene Fragen nach Vorstandsaus
Warum das sofortige Ausscheiden von Guido Raulin bei der Volksbank Börde-Bernburg eG mehr Transparenz verlangt – und weshalb die frühere Fusionsprüfung mit der Volksbank Jerichower Land eG erneut relevant wird
Die Volksbank Börde-Bernburg eG hat mitgeteilt, dass ihr langjähriges Vorstandsmitglied Guido Raulin sein Amt zum 08.06.2026 niedergelegt hat und mit diesem Tag aus dem Vorstand ausgeschieden ist. Die Erklärung spricht von persönlichen Gründen und einem Einvernehmen mit dem Aufsichtsrat. Auf eine Presseanfrage von Max Bertier reagierte die Bank zwar, beantwortete die konkreten Detailfragen jedoch nicht. Damit bleiben die Hintergründe weiterhin ungeklärt. Gerade weil Raulin für den Bereich Nicht-Markt/Kontrolle stand, stellen sich Fragen zu Risiko, Kreditüberwachung, Beteiligungen, Konzernstruktur und zur damaligen Fusionsprüfung mit der Volksbank Jerichower Land eG.
Inhalt
Worum es geht
Bei Genossenschaftsbanken ist ein Vorstandswechsel nicht nur eine Personalie. Vorstände führen nicht das Vermögen anonymer Kapitalgeber, sondern eine Bank, die ihren Mitgliedern gehört und deren Geschäftspolitik regionales Vertrauen voraussetzt. Wenn ein langjähriger Vorstand mit sofortiger Wirkung ausscheidet, dürfen Mitglieder, Vertreter, Kunden und Öffentlichkeit fragen, ob es sich tatsächlich nur um eine persönliche Entscheidung handelt – oder ob es weitere Hintergründe gibt.
Die Volksbank Börde-Bernburg eG war in den Jahren 2023/2024 als mögliche Fusionspartnerin der Volksbank Jerichower Land eG im Gespräch. Diese Fusion wurde nicht vollzogen. Aus heutiger Sicht rücken die damaligen Fragen erneut in den Fokus: Welche Risiken hätte eine Fusion übertragen? Wurden Beteiligungs- und Konzernrisiken ausreichend transparent gemacht? Und welche Rolle spielten die Entwicklung des Kreditgeschäfts, stille Reserven, stille Lasten und die Integration der Raiffeisen-Warengesellschaftsstruktur?
Stand der Recherche
Warum das auch für Jerichower Land relevant ist
Die frühere Fusionsprüfung zwischen der Volksbank Börde-Bernburg eG und der Volksbank Jerichower Land eG ist mehr als ein erledigter Vorgang. Bei einer Verschmelzung wären wirtschaftliche Risiken, stille Reserven, stille Lasten, Beteiligungen, Kreditstrukturen und Governance-Fragen nicht abstrakt geblieben. Sie hätten die Mitglieder, Kunden und Gremien beider Banken unmittelbar betroffen.
Wenn sich nach dem Abbruch der Fusionsgespräche bei einem potenziellen Fusionspartner weitere Belastungsfelder zeigen oder ein langjähriger Kontrollvorstand kurzfristig ausscheidet, ist die rückblickende Frage legitim: Waren die damaligen kritischen Nachfragen aus dem Umfeld der Volksbank Jerichower Land sachlich berechtigt? Und wurden die Gremien damals vollständig und zutreffend über alle wesentlichen Risiken informiert?
Diese Fragen sind auch mit Blick auf bevorstehende Versammlungen bedeutsam. Vertreter und Mitglieder können ihre Kontrollrechte nur dann sinnvoll ausüben, wenn ihnen relevante Entwicklungen offen und verständlich erklärt werden.
Was die veröffentlichten Abschlüsse zeigen
Die veröffentlichten Jahres- und Konzernabschlüsse der Volksbank Börde-Bernburg eG zeigen kein Bild einer akut zahlungsunfähigen oder aufsichtsrechtlich nicht kapitalisierten Bank. Liquidität und aufsichtsrechtliche Eigenkapitalquoten werden als geordnet dargestellt. Gleichzeitig enthalten die Abschlüsse mehrere Punkte, die eine vertiefende öffentliche Nachfrage rechtfertigen.
Operative Zielverfehlung
Die Bank erreichte in mehreren Jahren ihre eigenen Zielwerte für Betriebsergebnis vor Bewertung und Cost-Income-Ratio nicht beziehungsweise nur unzureichend. Die operative Ertragskraft bleibt deshalb ein zentrales Thema.
Kreditstruktur
In den Abschlüssen werden überschrittene Größenklassenstrukturvorgaben im Kreditportfolio beschrieben. Zugleich stiegen die Einzelwertberichtigungen im Kreditgeschäft 2024 deutlich an.
Wertpapierbewertung
Bei Teilen des Wertpapierbestands wurden durch Bewertung als Anlagevermögen außerplanmäßige Abschreibungen auf marktpreisbedingte Wertminderungen vermieden. Solche Wahlrechte sind nicht automatisch problematisch, aber erklärungsbedürftig.
Beteiligungs- und Konzernstruktur
Die Bank steht nicht nur für klassisches Regionalbankgeschäft. Durch Beteiligungs- und Warengesellschaftsstrukturen treten zusätzliche Risiken hinzu, die für Mitglieder und Vertreter nachvollziehbar erläutert werden sollten.
Stille Reserven
Im Zusammenhang mit Beteiligungen wurden stille Reserven gehoben beziehungsweise bilanziell wirksam. Entscheidend ist, ob diese Werte nachhaltig werthaltig waren oder später durch Wertberichtigungen relativiert wurden.
Raiffeisen Naumburg GmbH
Die Entwicklung rund um die Raiffeisen Naumburg GmbH wirft Fragen nach Zeitpunkt der Risikoerkennung, Entscheidungsgrundlagen, Erwerb weiterer Anteile, Wertberichtigungen und Verantwortung auf.
Die genannten Punkte sind keine abschließende Bewertung. Sie sind Anknüpfungspunkte für journalistische Fragen, die die Bank beantworten kann und sollte.
Die offenen Fragen an die Bank
Die folgenden Fragen wurden der Volksbank Börde-Bernburg eG zur Stellungnahme vorgelegt. Sie konzentrieren sich bewusst auf Punkte, die sich nicht bereits unmittelbar aus der Pressemitteilung oder den veröffentlichten Abschlüssen ergeben. Die Bank hat die einzelnen Fragen nicht detailliert beantwortet und stattdessen allgemeine Statements übermittelt.
Bedeutung für die Vertreterversammlung
Bei der Volksbank Börde-Bernburg eG steht eine Vertreterversammlung an. Gerade dort müssen Vertreter die Möglichkeit haben, die Hintergründe einer so gewichtigen Personalie und die damit verbundenen Risikofragen nachvollziehbar einzuordnen. Vertreter sind nicht nur Empfänger von Geschäftsberichten. Sie üben Eigentümerrechte für die Mitglieder aus.
Aus genossenschaftlicher Sicht gehört dazu auch, kritische Fragen nicht als Störung, sondern als notwendige Kontrolle zu verstehen. Das gilt besonders, wenn ein Institut neben dem klassischen Bankgeschäft wesentliche Beteiligungs-, Waren- oder Konzernstrukturen unterhält und wenn frühere Fusionsgespräche mit einem Nachbarinstitut beendet wurden.
Einordnung
Die Volksbank Börde-Bernburg eG kann viele der offenen Punkte möglicherweise plausibel beantworten. Genau deshalb ist eine öffentliche Nachfrage sinnvoll. Die Bank hat reagiert, die konkreten Ausschluss- und Detailfragen jedoch nicht beantwortet. Das erledigt die Fragen nicht, sondern macht sie für Mitglieder und Vertreter weiter relevant.
Die veröffentlichten Unterlagen zeigen eine Bank, die formal über ausreichende Kapital- und Liquiditätskennzahlen verfügt. Sie zeigen aber auch operative Zielverfehlungen, erhöhte Risikovorsorge, Bewertungswahlrechte, Beteiligungsrisiken und einen Konzern, dessen Entwicklung nicht selbsterklärend ist. In dieser Lage ist das sofortige Ausscheiden eines Vorstands aus dem Ressort Nicht-Markt/Kontrolle nicht nur eine interne Personalie.
Für die frühere Fusionsprüfung mit der Volksbank Jerichower Land eG bedeutet dies: Kritische Nachfragen waren nicht Ausdruck von Blockade, sondern Teil ordnungsgemäßer Kontrolle. Ob sie damals vollständig beantwortet wurden, bleibt eine zentrale Frage.
Hinweise und Dokumente
Diese Recherche stützt sich auf die Pressemitteilung der Volksbank Börde-Bernburg eG zum Ausscheiden von Guido Raulin, die Antwort der Bank auf die Presseanfrage vom 17.06.2026, die veröffentlichten Jahresabschlüsse der Einzelbank 2022 bis 2024, die veröffentlichten Konzernabschlüsse 2023 und 2024 sowie auf die bisherige Recherche zur Volksbank Jerichower Land eG.
Hinweise, Dokumente oder ergänzende Stellungnahmen zu den genannten Fragen können an Max Bertier über die auf dieser Website angegebenen Kontaktmöglichkeiten übermittelt werden.
Aktualisierung: Volksbank Börde-Bernburg beantwortet Detailfragen nicht
Nach der Presseanfrage hat die Volksbank Börde-Bernburg eG auf die Fragen von Max Bertier reagiert. Eine detaillierte Beantwortung der einzelnen Fragen erfolgte jedoch nicht. Die Bank teilte mit, sie werde die Fragen „mit Blick auf Geschäftsgeheimnisse und Persönlichkeitsrechte“ nicht detailliert beantworten.
Inhaltlich wiederholte die Bank im Wesentlichen die bereits veröffentlichte Darstellung: Guido Raulin habe sein Vorstandsamt aus persönlichen Gründen zum 08.06.2026 niedergelegt und sei im Einvernehmen mit dem Aufsichtsrat aus dem Vorstand ausgeschieden. Der Aufsichtsrat respektiere diesen Entschluss, danke Raulin für seine Tätigkeit und wünsche ihm für die berufliche und private Zukunft alles Gute.
Darüber hinaus erklärte die Volksbank Börde-Bernburg eG, der Aufsichtsrat habe die notwendigen Schritte eingeleitet, um den freigewordenen Posten neu zu besetzen. Man sei optimistisch, zeitnah eine langfristige Nachfolge präsentieren zu können. Außerdem teilte die Bank mit, das Geschäftsmodell werde unabhängig von handelnden Personen verfolgt; eine gleitende Anpassung an Umfeldveränderungen sei durch eine etablierte Veränderungskultur sowie gute Führung gewährleistet.
Damit bleiben die zentralen Recherchefragen weiterhin unbeantwortet. Insbesondere äußerte sich die Bank nicht konkret dazu, seit wann der Aufsichtsrat vom Ausscheiden Raulins wusste, ob dem Ausscheiden interne Gespräche, Erwartungen oder Beschlüsse vorausgingen, ob ein Zusammenhang mit Risiko-, Kredit-, Beteiligungs-, Konzern- oder Kontrollthemen ausgeschlossen werden kann und ob es im Umfeld von Kreditrisiken, Beteiligungen, Wertpapierbewertung oder früherer Fusionsprüfung relevante Vorgänge gab.
Gerade diese Nichtbeantwortung ist für Vertreter, Mitglieder und Öffentlichkeit relevant. Denn es geht nicht um private Einzelheiten aus dem Leben eines ausgeschiedenen Vorstands, sondern um die Frage, ob eine Genossenschaftsbank wesentliche Entwicklungen nachvollziehbar erklärt – insbesondere dann, wenn ein langjähriger Vorstand aus dem Bereich Nicht-Markt/Kontrolle mit sofortiger Wirkung ausscheidet und die Bank zugleich über komplexe Beteiligungs- und Konzernstrukturen verfügt.